Einleitung

Manche Kinder beginnen früher, andere Kinder später zu sprechen. Doch bei etwa 15% der Kinder verläuft der Spracherwerb deutlich verlangsamt, obwohl sie sich in anderen Bereichen, wie der Motorik oder im Spielen, altersentsprechend entwickeln.

Eine verzögerte Sprachentwicklung liegt vor, wenn ein Kind mit 24 Monaten weniger als 50 Wörter spricht und in den Folgemonaten im Vergleich zu anderen Zweijährigen einen sehr kleinen Wortschatz hat. Entwickelt sich das Kind in den anderen Bereichen altersentsprechend, spricht man von einem Late Talker (= Spätsprecher).


Typische Merkmale

  • mit zwei Jahren sehr geringer Wortschatz (weniger als 50 Wörter) bei altersentsprechender Allgemeinentwicklung
  • sehr langsames Lernen von neuen Wörtern, manchmal lernen die Kinder viele Wochen kein neues Wort
  • häufiges Nutzen von Mimik, Gestik oder Geräuschen, um sich auszudrücken
  • Bildung von Zwei-Wort-Äußerungen oft erst mit zweieinhalb oder drei Jahren (z. B. „Mama Auto“ oder „Ball haben“)
  • untypische Lautersetzungen (z. B. Baktor für Traktor), Auslassen aller Anfangslaute (z.B. „And“ statt „Sand“), konsequentes einsilbiges Aussprechen von Wörtern (z. B. „Be“ statt „Besen“)
  • manche Kinder haben zusätzlich Probleme beim Verstehen von Wörtern (geringerer passiver Wortschatz) und/oder verstehen Sätze noch nicht, wie z. B. „Stell die Tasse auf den Tisch.“
  • oft zunehmender Frust ab dem Alter von zweieinhalb Jahren, wenn das Kind nicht verstanden wird

Ursachen

Die Ursachen für den späten Sprechbeginn sind bisher nicht eindeutig geklärt. Als Hauptursache vermutet man eine genetische Grundlage. Daher finden sich häufig in der engen Verwandtschaft von Late Talkern Personen, die ebenfalls spät angefangen haben zu sprechen oder als Kind eine sprachtherapeutische Behandlung erhalten haben. Die Eltern sind nicht schuld an der Entstehung der Sprachschwierigkeiten.

Late Talker haben keine grundsätzlichen Probleme mit dem Denken, sondern eine spezifische Schwäche in der Verarbeitung von Sprache. Dies äußert sich zum Beispiel darin, dass sie sich Wörter nicht so gut merken können wie andere Kinder und deshalb auch mehr Zeit benötigen, um neue Wörter zu lernen.

Auch Hörprobleme wirken sich bei Kindern, denen der Spracherwerb sowieso schon schwerfällt, besonders ungünstig aus.


Wie können Sie ihr Kind unterstützen?

Nutzen Sie die natürlichen Sprechanlässe im Alltag, um mit Ihrem Kind ins Gespräch zu kommen. Nehmen Sie sich bei gemeinsamen Aktivitäten Zeit, hören Sie gut zu, was Ihr Kind ausdrücken möchte. So können Sie die Interessen aufgreifen und darauf eingehen.

In Gesprächssituationen ist Ihr Verhalten von großer Bedeutung. Wenn Sie die meiste Zeit reden, hat Ihr Kind zu wenig Gelegenheit, selbst zu üben. Das ist aber wichtig, denn Sprechen lernt man am besten durch Sprechen. Machen Sie deshalb immer wieder Pausen und warten Sie ab, damit Ihr Kind sagen oder zeigen kann, was es möchte. So können Sie die Äußerung aufgreifen und weiterführen.

Ihr Kind darf auch Gesten verwenden und Handzeichen einsetzen, denn wichtig ist, dass Ihr Kind seine Bedürfnisse ausdrücken kann, verstanden wird und Spaß an der gemeinsamen Kommunikation hat.

Wichtig ist außerdem, dass Sie Ihr Umfeld über die verzögerte Sprachentwicklung Ihres Kindes informieren und um Mithilfe bei der Förderung Ihres Kindes bitten. Jeder, der mit dem Kind zusammen ist, kann auf sein Sprachverhalten im Umgang mit Ihrem Kind achten und somit positiv zur Sprachentwicklung beitragen.


Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie

Wenn Sie eine verzögerte Sprachentwicklung bei Ihrem Kind beobachten, sprechen Sie dies gegenüber Ihre*r Kinderärtz*in an. Sie erhalten so erste Informationen und können weitere Untersuchungen besprechen. 

Wichtig ist eine Abklärung des Hörvermögens, um mögliche Hörprobleme auszuschließen oder bei Bedarf zu behandeln. Weiterhin ist die Allgemeinentwicklung des Kindes zu beurteilen.  Denn manchmal ist ein später Sprechbeginn ein Zeichen für eine allgemeine Entwicklungsverzögerung, die z. B. im Rahmen einer anderen Erkrankung auftreten kann.

Die sprachlichen Fähigkeiten Ihres Kindes sind von einer Fachperson mit einem Sprachentwicklungstest einzuschätzen. Die Fachperson achtet zudem darauf, wie Ihr Kind kommuniziert. Beispielsweise schaut sie, ob es versucht, sich mit Mimik und Gestik verständlich zu machen und ob es Blickkontakt zum Gesprächspartner aufnimmt.

Es ist wichtig, Late Talker frühzeitig zu unterstützen. Dies gelingt effektiv im Alltag durch Eltern und Bezugspersonen. Daher zielt eine Beratung darauf ab, wie Sie als Eltern durch einen bewusst sprachförderlichen Umgang Ihr Kind in seiner Sprachentwicklung unterstützen können. Entscheidend ist hierbei nicht, wieviel Zeit Sie mit dem Kind verbringen, sondern dass Sie kurze Gesprächsmomente im Alltag, wie sie beim Essen, Anziehen oder Bücheranschauen entstehen, zur Sprachförderung nutzen. Um zu erfahren, wie Sie Ihr Kind im Alltag beim Lernen neuer Wörter und Sätze unterstützen können, eignen sich Elternprogramme wie das Heidelberger Elterntraining. In einigen Fällen kann eine zusätzliche Sprachtherapie hilfreich sein.


Angebote am ZEL

Angebote für Familien

Wir helfen Ihnen gerne weiter und bieten Ihnen DiagnostikElternberatung und Therapie unter einem Dach an. Regelmäßig führen wir das von uns entwickelte Heidelberger Elterntraining zur frühen Sprachförderung in Einzel- und Gruppensitzungen durch. Das Heidelberger Elterntraining wird auch regelmäßig im Online-Format angeboten.

Angebote für pädagogische Fachkräfte
Für pädagogische Fachkräfte bieten wir eine Grundlagenfortbildung zum Thema Late Talker sowie das Heidelberger Interaktionstraining in der Krippe (zum Seminar) und im Kindergarten (zum Seminar) an.


Weitere Informationen

In unserer Elternbroschüre „Late Talker“ erfahren Sie mehr über die Hintergründe einer verzögerten Sprachentwicklung und wie Sie Ihr Kind unterstützen können. Diese ist in Deutsch und Englisch erhältlich. Weitere Informationen zum Heidelberger Elterntraining finden Sie auf unserer Website unter www.heidelberger-elterntraining.eu.