Aktuelles
Mehrsprachigkeit in Kita und Kindertagespflege: Wenn Eltern und Fachkräfte gemeinsam lernen
Mehrsprachigkeit in Kita und Kindertagespflege: Wenn Eltern und Fachkräfte gemeinsam lernen
„Die Beiträge der Eltern haben meinen Blickwinkel wieder ein Stückchen verändert“, sagt eine Koordinatorin über das Modellprojekt „Gemeinsam zur Sprache – erfolgreich mehrsprachig aufwachsen“. Eltern von Kindern bis 3 Jahre, Kindertagespflegepersonen und Kita-Fachkräfte haben an sieben Standorten in Hessen gemeinsam gelernt, wie sich Mehrsprachigkeit in Kita und Kindertagespflege im Alltag unterstützen lässt. Carmen Huck, Prof. Dr. Steffi Sachse (PH Heidelberg) und Prof. Dr. Anke Buschmann haben die Ergebnisse auf dem 36. Bundeskongress der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik (dgs) in Oldenburg vorgestellt. 94 % der Befragten (N = 51) hielten das Lernen in gemeinsamen Workshops für sinnvoll oder sehr sinnvoll (Huck et al., 2026).
Einen ausführlichen Praxisbeitrag zum Projekt gibt es hier: Buschmann, Huck & Sachse (2022)
Mehrsprachigkeit ist eine Aufgabe für alle Bildungsorte
Kinder wechseln täglich zwischen Familie, Kindertagespflege und Kita und erwerben dabei mehrere Sprachen. Wenn sich Eltern in der Interaktion mit ihrem Kind feinfühlig und sprachlich anregend verhalten, geht dies mit besseren sprachlichen Kompetenzen der Kinder einher (Attig & Weinert, 2025), und für pädagogische Fachkräfte gilt das Gleiche (Girolametto & Weitzman, 2002). Damit Kinder solche Bedingungen an allen Bildungsorten finden, braucht es Fachwissen, Handlungskompetenz und Abstimmung. Bildungspläne fordern diese Zusammenarbeit mit Familien, in der Praxis lässt sie sich oft schwer umsetzen (Betz et al., 2019).
Eltern und Fachkräfte im selben Workshop
Die PH Heidelberg und das ZEL Heidelberg haben das Projekt gemeinsam geplant und durchgeführt, gefördert vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration. Kern waren vier aufeinander aufbauende Workshops: gelebte Mehrsprachigkeit zu Hause und in der Kita, die Rolle der Bezugspersonen und sprachförderliche Dialoge im Alltag, dialogische Bilderbuchbetrachtung und zuletzt die Reflexion der eigenen Erfahrungen. Zwischen den Terminen probierten die Teilnehmenden die Strategien mit den Kindern aus. Kindertagespflegepersonen und Kita-Fachkräfte vertieften ihr Wissen zusätzlich in Seminaren und Teamtagen, Runde Tische und digitale Austauschformate verbanden die Beteiligten vor Ort.
Was Teilnehmende mitnehmen
Befragt wurden 48 Elternteile, 26 pädagogische Fachkräfte und 22 Kindertagespflegepersonen. Am meisten schätzten sie den Austausch zwischen den Bildungsorten und das Verständnis für die Sichtweisen der anderen. Das hat Gewicht, denn Fachkräfte nehmen Eltern mit Migrationshintergrund oft als wenig interessiert wahr und erleben die Kooperation mit diesen Familien häufig als belastend (Sieger & Winter, 2022).Nach den Workshops schätzten Kita-Fachkräfte ihre Kompetenz für mehrsprachige sprachliche Bildung nach den Workshops höher ein als zuvor, bei den Kindertagespflegepersonen war dies noch deutlicher der Fall. Sie fühlten sich sicherer im Umgang mit mehrsprachig aufwachsenden Kindern, auch wenn diese noch wenig Deutsch sprachen.
Was die Zusammenarbeit mit Eltern im Alltag braucht
Ein Ziel gelang nur teilweise: Das Elterngespräch, das den Mehrsprachenkontext eines Kindes erfasst, ließ sich trotz Praxisbegleitung und Supervision nicht dauerhaft in den Einrichtungen verankern, vor allem in Phasen mit Personalmangel oder während der COVID-19-Pandemie. Die Zusammenarbeit mit Eltern braucht Rahmenbedingungen: Zeit, Personal und geeignete Austauschformate (Betz et al., 2019). Die Motivation einzelner Fachkräfte reicht dafür allein nicht aus. Insbesondere gehören feste Ansprechpersonen dazu, die die örtlichen Strukturen von Kita und Kindertagespflege kennen und inhaltlich qualifiziert sind, zum Beispiel ein Tandem aus Fachberatung für Kita und für Kindertagespflege.
Die Erfahrungen auf individueller Ebene waren durchweg positiv und legen nahe, dass sich solche gemeinsamen Lernformate auch auf andere Themen früher Bildung übertragen lassen.
Fachkräfte, die das Thema vertiefen möchten, finden im ZEL-Seminar „Mehrsprachigkeit verstehen und Vielfalt stärken“ einen Einstieg, Eltern im Elternworkshop „Mehrsprachigkeit als Chance“. Einen ausführlichen Praxisbeitrag zum Projekt gibt es hier: Buschmann, Huck & Sachse (2022), Mehrsprachiges Aufwachsen gehört zu uns.Stand: September 2026
Quellen
- Attig, M., & Weinert, S. (2025). Wie frühe Eltern-Kind-Interaktionen die Entwicklung von Kindern beeinflussen (NEPS Forschung kompakt 2). https://doi.org/10.5157/NEPS:FK02:1.0
- Betz, T., Bischoff-Pabst, S., Eunicke, N., & Menzel, B. (2019). Kinder zwischen Chancen und Barrieren: Zusammenarbeit zwischen Kita und Familie. Bertelsmann Stiftung. https://doi.org/10.11586/2019043
- Buschmann, A., Huck, C., & Sachse, S. (2022). Mehrsprachiges Aufwachsen gehört zu uns. Kitas HRS, 10, 21–24.
- Girolametto, L., & Weitzman, E. (2002). Responsiveness of child care providers in interactions with toddlers and preschoolers. Language, Speech, and Hearing Services in Schools, 33(4), 268–281. https://doi.org/10.1044/0161-1461(2002/022)
- Huck, C., Buschmann, A. & Sachse, S. (2026). „Gemeinsam zur Sprache – erfolgreich mehrsprachig aufwachsen“ ein Modellprojekt zur multiprofessionellen Qualifizierung und Vernetzung von Kita, Kindertagespflege und Familien. In: Jungmann, T., Wabnitz, C., Lidandro, U. & Spreer, M. (Hrsg.). Sprache ist, was uns verbindet – in Kita, Schule und Beruf. Idstein: Schulz-Kirchner-Verlag.
- Sieger, S., & Winter, C. (2022). Kooperation in der sprachlichen Bildung mit Eltern in mehrsprachigen Kindertagesstätten aus Sicht pädagogischer Fachkräfte. ElFo, 4(2), 17–30. https://doi.org/10.25364/18.4:2022.2.2
