Wenn Worte auf sich warten lassen: Was hinter einem späten Sprechbeginn steckt

Jedem sechsten Kind eines Jahrgangs fällt der Spracherwerb schwer – während es sich in allen anderen Bereichen ganz normal entwickelt. Trotzdem hören Eltern und Fachkräfte in der Kita meistens dieselbe beruhigende Antwort: Das wächst sich aus. In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Kleinstkinder (5/2026) ordnet Prof. Dr. Anke Buschmann, Leiterin des ZEL – Zentrum für Entwicklung und Lernen in Heidelberg, gleich in zwei Beiträgen ein, was an dieser Aussage dran ist – und was Fachkräfte im Alltag konkret tun können.


Late Talker: Wann eine verzögerte Sprachentwicklung wirklich Anlass zur Sorge ist

Als Late Talker gelten Kinder, die zum zweiten Geburtstag weniger als 50 Wörter aktiv sprechen, sich aber in Motorik und Spiel altersgemäß entwickeln. Etwa einem Drittel dieser Kinder gelingt es von allein, den Rückstand bis zum dritten Geburtstag aufzuholen – begünstigt durch gutes Sprachverständnis, ein aufgeschlossenes Temperament und ein sprachanregendes Umfeld. Garantiert ist das aber nicht: Zwei Drittel der Late Talker zeigen ohne gezielte Förderung auch mit drei Jahren noch deutliche Defizite im Wortschatz und in der Grammatik. Im Schulalter ist ihre  Sprachkompetenz im Mittel geringer im Vergleich zu Nicht-Late-Talkern, trotz oft mehrjähriger logopädischer Behandlung. In der Folge fällt den Kindern oft schulisches Lernen schwer, insbesondere ist der Schriftspracherwerb gefährdet. Auch die soziale und emotionale Entwicklung können leiden durch, denn die Kinder sind in ihrer Mitteilungsfähigkeit eingeschränkt: Sie können über einen längeren Zeitraum nicht einfach sagen, was sie sich wünschen, wofür sie sich interessieren oder was sie eben auch nicht wollen.
Genau deshalb rät Buschmann von pauschalen Beschwichtigungen oder Schuldzuweisungen ab – etwa in Richtung Mehrsprachigkeit, Medienkonsum oder „zu wenig Gespräch zu Hause“. Ein später Sprechbeginn kann außerdem erster Hinweis auf eine Hörstörung sein, auch eine leichte, etwa durch einen Paukenerguss, oder auf eine umfassendere Entwicklungsstörung. Ihre Empfehlung: Diagnostik statt Abwarten. Erste Ansprechpartner sind die Kinderärzt*innen. Diese initiieren eine Hörprüfung und eine Sprachdiagnostik. Je früher die Ursache geklärt ist, desto besser stehen die Chancen auf eine gezielte Förderung der Sprachentwicklung.


Sprache entsteht im Dialog

Im zweiten Beitrag zeigt Buschmann, worauf es im Kita-Alltag konkret ankommt: Kinder lernen Sprache dort, wo sie entsteht – im Gespräch über Dinge, die sie selbst interessieren. Entscheidend ist, ob eine Fachkraft die Initiative eines noch wenig sprechenden Kindes bemerkt (auf etwas zeigen, etwas anschauen, ein Geräusch machen) und diese als natürlichen Sprechanlass nutzt. Wenn sie den Wunsch oder das Interesse des Kindes aufgreift und mit ihm darüber spricht, in einem für das jeweilige Kind passenden Sprachniveau und ohne das Gespräch zu dominieren, dann ist das die beste Sprachförderung, die das Kind bekommen kann. Genau dieses Prinzip steckt hinter dem Heidelberger Interaktionstraining (HIT) [Link einfügen] für Fachkräfte und dem Heidelberger Elterntraining (HET) [Link einfügen] für Familien: alltagsintegrierte Sprachförderung, die im echten Moment ansetzt, statt in künstlichen Übungssituationen.

Mehr zum Thema: Beide Fachartikel gibt es in voller Länge in der Kleinstkinder-Ausgabe 5/2026 des Verlags Herder.

Wer tiefer einsteigen möchte: Anke Buschmann war außerdem zu Gast im Pädagogik-Podcast „heute im Kindergarten“ – die Folge gibt’s bei Spotify und Apple Podcasts.

Für Fachkräfte, die das Thema Late Talker strukturiert angehen möchten, gibt es jedes Jahr eine eintägige Fortbildung im ZEL https://shop.zel-heidelberg.de/Late-Talker und es steht zudem eine kostenlose Informations-Broschüre zum Download bereit .